Sonntag, 25. August 2013

Das blaue Wunder - Wolle mit Waid gefärbt - Teil III

Nach der Schneckeninvasion und anschließenden Rettungsaktion der Waidpflanzen, die ihr hier und hier nachlesen könnt, wuchsen die Waidpflanzen dann ganz langsam und stetig. Einen Teil pflanzte ich ins Hochbeet, sie entwickelten sich besonders schnell. Schließlich konnte ich dank der Unterstützung von Kerstin und Manuela   genug frische Waidblätter für die Färbung für unser Projekt ernten.  

  

 Waid - Isatis tinctoria, auch der ´König der Farbstoffe´genannt,  gehört zur Familie der Kreizblütler und ist zweijährig. Im ersten Jahr bildet die zweijährige Pflanze eine Blattrosette mit 20 bis 30 cm langen lanzettlichen und ganzrandigen Blättern von blau-grüner Färbung. Diese sind meist kahl, nur später gebildete sind behaart. Färber-Waid erreicht in der Regel eine Größe von 30 bis 150 Zentimetern.

 

Im zweiten Jahr wachsen bis zu 120 bis 150 cm hohe aufrechte Stängel, die oben verzweigt und kahl, unten mit einzelnen Haaren besetzt sind. Die untersten Blätter sterben zur Blütezeit ab.  Der Färber-Waid blüht zwischen Mai und Juli.
 
 
Vorkommen und Standort: Der Färberwaid  stammt aus Westasien. Im Mittelalter wurde er in Europa angebaut. Heute wächst er hauptsächlich verwildert. Er bevorzugt trockene Hänge und  Felsen.
Verwendete Teile:
Gefärbt wird mit den Waidblättern.
Inhaltsstoffe:
Die Waidblättern enthalten keinen blauen Farbstoff, sondern die Blätter des Färberwaid enthalten hauptsächlich Isatan A und Isatan B als farblose Vorstufen des Pigments Indigo. Nach der Ernte wird Isatan in Zucker und Indoxyl gespalten und anschließend dann zu Indigo oxidiert.
Färberezept: Meine Küpe aus Waid war angelehnt an das Prinzip nach David Hill: Insgesamt ergab meine Ernte 666 gramm frische Waidblätter.

 
  • Zuerst brachte ich 22 Liter Wasser zum Kochen und gab nach und nach die frisch geschnittenen Waidblättern in das Wasser. Dabei soll die Wärmezufuhr nicht unterbrochen werden. Ich gab soviele Blätter dazu, dass das Wasser sie immer noch bedeckte. Als dieser Zustand erreicht war, nahm ich den Topf mit den Blättern vom Herd.   
  •                                                                                       

  • Anschließend goss ich den Waidsud ab, die Blätter dürfen dabei nicht gedrückt, d.h. auch  nicht noch mal ausgedrückt werden ! Genau das was ich sonst bei den meisten Färbedrogen mache, darf ich hier nicht !! Die Blätter werden dann nicht mehr benötigt.
  • Nun kühlte ich den heißen Waidfärbesud solange in kalten Wasserbädern zügig herunter, bis er handwarm war. 
  •  Anschließend füllte ich den Färbesud in einen Einkochtopf. 
  •  Ich fügte 70ml Salimiakgeist 25% hinzu und maß den ph Wert, er darf nicht über 9 kommen. Am besten ist es zwischen 8 und 9 . Die Waidflüssigkeit sah dann aus wie schwarze Soße mit grünen Sprenkeln. Wenn sie so aussieht kann man lesen, dass sich dann die Indigo- Vorstufe in den Farbstoff umgewandelt hat. 
  •  Nun muss die Küpe belüftet werden, also Sauerstoff muss in den Sud. Also schlug ich die Küpe  ca. ½ Stunde kräftig mit dem Schneebesen, bis auf der Oberfläche ein blauer Schaum entstanden war. 

 
  •  40 gramm Hydrosulfit ergänzten die Küpe. Dieses ganze Gemisch rührte ich nun ganz vorsichtig um und ließ es bei 55 Grad 1 Stunde lang ruhen. Die Wolle für die Waidfärbung hatte ich vorher bereits in Wasser gelegt.  
    Färbevorgang:

    • Nach dieser 1 Stunde zeigte sich auf der Oberfläche der Küpe eine „Blume“, d.h. eine Art kupfriger Haut. Die Wolle wurde nun ausgeschleudert und vorsichtig in die Küpe gelegt. Dort blieb sie 20 Minuten liegen.
 
   
  • Danach zog ich die Wolle vorsichtig und langsam aus der Küpe, versuchte dabei keine Spritzer zu machen, damit kein Sauerstoff in die Küpe gelangt und drückte die Wolle gleich aus, so dass die restliche Färbeküpe gleich zurückfließen konnte. 
  • Jetzt hängte ich die Wolle an die Luft (verblauen lassen, daher auch das „ Blau machen“). Dies ist der eigentliche Färbeprozess, indem sich durch Oxidation mit Luftsauerstoff die Wolle von gelb zu blau färbt. Ich staunte über den Farbton, der so nach und nach sichtbar wurde.
 

Anschließend spülte ich die Wolle mit klarem Wasser und legte abschließend die Wolle zum `absäuern´ in einen Eimer mit einer Schuss Essigessenz. Wolle ist ja säurefreundlich und alkalifeindlich ! Die Säure bewirkt, dass sich die abgespreizten Härchen wieder anlegen, die Faser sich glättet und den Farbstoff einschließen. Nach dem Trocknen wickelte ich die Stränge auf meiner Haspel noch zu kleinen 25 gramm Strängen. Inzwischen liegen die kleinen Stränge beschriftet und absende bereit im Paket. 
Der Samen meines Färberwaids stammt von Anne, die auch das Pflanzenfärbeprojekt 2013  initiiert hat, nochmal herzlichen Dank für alles Anne.  Ansonsten wer von euch Samen bestellen möchte, den gibt es auch hier bei mir um die Ecke im Templiner Kräutergarten. Nach 500 Gramm war die Waidküpe jedenfalls erschöpft und so wurde das Rezept mit getrocknetem Waid, das hier im Netz steht ausprobiert. Allein schon von den Zutaten kann man erkennen, dass es nicht funktioniert ! Auch als wir noch 50 gramm Natriumhydrosulfit dazu gegeben hatten funktionierte es nicht ! Frage mich wieso es dann so im Netz steht ? Also hatte ich nur 500 gramm für das Projekt und es stellte sich die Frage was tun mit den anderen 500 gramm. Da die Farbpalette keinen Ton mit lila/ beere enthält wurden die anderen 500 gramm mit Cochenille und Indigo gefärbt. Die Beschreibung dazu gibt es im nächsten Post, hier schon einmal das Foto um euch nicht auf die Folter zu spannen 


Zur Geschichte: 
Die Pflanze wird seit dem Altertum als Färberpflanze kultiviert. Die Briten rieben sich laut Cäsar vor kriegerischen Auseinandersetzungen mit Färberwaid ( Vitrum) ein. In Deutschland wird der Färberwaid seit dem 9.Jahrhundert, hauptsächlich in Thüringen angebaut. Die Stadt Erfurt erlangte als Zentrum des Waidhandels Macht und REichtum, ebenso wie die anderen Waidstädte. Zur Verarbeitung waren Waidmühlen erforderlich. Färberwaid war bis ins 16.Jahrhundert wichtitg für die Herstellung von blauem Leinen. Das Verfahren war so kompliziert, dass sich im Mittelalter sogar eine eigene Zunft, die Blau- und Waidfärber bildete. Waid wurde dann durch den echten Indigo aus dem tropischen Schmetterlingsblütler, Indigofera tinctoria aus Indien verdrängt. In den ursprünglichen Verfahren vergoren die Indigobauern dicke Bündel des Pflanzenfärbematerials unter Zusatz von Urin. Dieser Prozess fand in großen Kübeln statt. Die erhaltene gelb-grüne Flüssigkeit nannte man Küpe nach dem lateinischen Wort für Bottich cupa. Mit der komerziellen Herstellung synthetischen Indigos seit 1897 verschwand auch der natürlich Indigo weitestgehend vom Markt.
Ich hoffe ich habe euch jetzt ein bisschen Lust auf Anbau von Waid und und Färben mit Waid gemacht. Viel Freude weiterhin beim Färben mit Pflanzenfarben.

Kommentare:

  1. Das ist ja interessant von grünen Blättern blaue Wolle zu bekommen.Danke für deine schöne Erklärung.
    LG Hannelore

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  2. also hier habe ich jetzt auch gaaaanz viel gelernt und ich finds total interessant...supi tolle farbe!!
    liebe grüsse lee-ann

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  3. So viele Infos. Wenn ich in Deinem Blog lese, brauche ich kein Buch übers Färben; deine Texte sind total informativ.. Ich finde das Färben soo umfangreich und spannend (wenn ich bei Dir lese). Wobei ich noch nicht wirklich gefärbt habe, d i e s e s Jahr noch nicht..., gerade weil man soviel wissen muß.
    Habe übrigens auch mit der Kreisweste aus selbstgesponnener Wolle angefangen, schau mal, die Wolle ist zwar sehr dick, aber ich hoffe es ist tragbar.
    Ganz liebe Grüße
    Birgit

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  4. Liebe Anke,
    dieses ist wirklich ein sehr schöner Bericht und ich freue mich schon darauf für euch die kleinen Woll-Regenbögen zusammenzustellen.

    Liebe Grüße
    Anne

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  5. Ein wunderschönes Blau hat deine Waidfärbung ergeben. Der ganze Prozess ist ja schon sehr zeitintensiv. War es auch geruchsintesiv?

    Liebe Grüße
    Anja

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  6. Eine Wahnsinnsarbeit! Aber ein Traumergebnis!!
    Bin echt beeindruckt :o))

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  7. Vielen Dank für diesen ausführlichen Bericht!
    Je mehr ich bei Dir lese, komme ich auf dumme ;) Gedanken was meinen Garten für die Zukunft angeht. Wer braucht schon Gemüse, wenn er Wolle färben kann...?
    Diese Waidfärbung traue ich mir allerdings noch nicht zu.
    Liebe Grüsse
    Maria

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  8. Tolle Faärbungen hat du erzielt. Es ist immer wieder spannend wie das Färb-Ergebnis dann aussieht.

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  9. Hallo Anke,

    tolle Farbe. Danke für den super Bericht, ich verfolge das ja schon seit den abgefressenen Pflänzchen und jetzt kann man das Ergebnis bewundern, super.

    Danke auch für die tolle Erklärung wie du zu der Farbe gekommen bist.

    Ich wünsch dir einen schönen Sonntag

    LG Mela

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  10. Was für eine schöne Farbe, liebe Anke. Ich komme zur Zeit zu nichts, aber sauge Deine Berichte auf. Ich finde man kann Deine Leidenschaft spüren und ich danke Dir sehr fürs Teilen.
    Liebe Grüße und einen guten Wochenstart.
    Kirsten

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  11. Hallo Anke,

    vielen Dank für deinen detailierten Bericht.Mit diesem Wissen werde ich an meine nächste Waidfärbung gehen. dass die Blätter nicht ausgedrückt werden dürfen, habe ich z.B. nicht beachtet. Und anderes.

    Gut dass du alles sehr klar und verständlich beschrieben hast.
    Auf die Wolle fürs Färbeprojekt freue ich mich jetzt schon. Die lila Strängchen gefallen mir sehr gut und ich finde die Idee an sich super. So haben wir auch noch eine Überfärbung dabei.

    An der Stelle auch vielen Dank für deine Seite, ich habe hier schon Stunden mit Lesen und Staunen verbracht.

    LG Anne(Rosendame)

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  12. Also, nachdem ich diese Farbe im Original auf der Wolle sehen konnte, Anke, ratterte es schon wieder in meinem Kopf. Ich werde wohl im Herbst das nicht benötigte Beet (aus Zeitgründen) wieder beleben und im nächsten Jahr Waid anbauen "müssen". Das ist eine ganz tolle Farbe in der Naturpallette. Gruß Katja

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  13. Es ist wirklich genial und umfassend dein Färberwissen. Die Ergebnisse beeindrucken mich sehr! Ich färbe nur ab und zu mit kauffertigen Farben, also nicht pflanzlich. Mit all den herrlichen Pflanzen ist das bestimmt nochmal ein ganz anderes Erlebnis.
    LG, Marion

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  14. You make the most amazing dye colours! WOW! So beautiful!

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  15. Wie spannend und anregend und informativ beschrieben und bebildert! Herzlichen Dank fürs Teilen. Gestern habe ich meiner alten Textilkunst-Lehrerin (76) von euch "Färbe"-Bloggerinnen erzählt ("Bloggen? Was ist denn das nun wieder?") Sie hat sich so gefreut, dass es Menschen wie euch gibt, die solche Künste weiter pflegen und weiter geben und entfalten! Lieben Gruß Ghislana

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  16. Liebe Anke!

    Ich bin hin und weg über diese schönen Farben! Dein Blog, deine Beiträge und dein Wissen sind eine Bereicherung!!!

    Um solche Samen muss ich mich für das nächste Jahr umsehen!

    Liebe Grüße
    Brigitte

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